Beiträge vom März, 2010

Mensch, sei doch radikal!

Dienstag, 30. März 2010 15:44 | Autor: Olaf Sander

Radikal ist ein böses Wort. Es passt nicht in unsere Zeit. Auch nicht in unsere Gesellschaft. Was radikal ist, wollen wir nicht. Wer radikal ist, macht sich unbeliebt. Radikalität macht uns Angst.

Aber warum?

Weil Radikal zwei Seiten hat. Eine gute und eine schlechte.

Radikal kommt vom lateinischen „Radix“ und bezeichnet den Ursprung, die Wurzel. Wenn jemand radikal ist, ist er entweder rücksichtslos, extremistisch, dogmatisch, gewalttätig und zerstörerisch, oder er ist grundlegend, kompromiss- und schonungslos, aufsässig und tiefgreifend.

Daraus ergeben sich drei mögliche Typen von Menschen:

1. schlechte Radikale
2. gute Radikale
3. Nichtradikale

Schlechte Radikale sind zum Beispiel Nazis, die Regierung Bush oder Putin.

Bei den guten Radikalen wird es schon schwieriger Beispiele zu finden. Martin Luther war auf jeden Fall ein guter Radikaler. Karl Marx auch. (Keiner wurde mehr missverstanden und fehlinterpretiert wie Karl Marx. Aber das ist ein anderes Thema.) Und in der heutigen Zeit dürften bei uns Wolf Lotter und Götz W. Werner zu denen zählen, die für eine gute Radikalität stehen.

Die schlechten Radikalen verraten sich dadurch, dass sie verklären, Angst machen und spalten, aber immer wissen was zu tun ist. Sie sind laut und ihre Handlungen leiten sich meistens von ihren Dogmen ab. Ihr Blick ist immer rückwärts gewandt und neue Probleme werden mit alten Methoden zu lösen versucht. Deshalb versprechen sie auch immer die „guten alten Zeiten“ zurück zu holen.
Schlechte Radikale zwingen die Meinungen der Anderen auf ihre Linie und diejenigen, die ihnen folgen, brauchen, sollen oder dürfen selbst nicht mehr denken. Sie geben ihre Verantwortung ab und werden zu Anhängern. Anhänger sind, das sagt schon das Wort, Leute die irgendwo dranhängen. Sie haben keinerlei Einfluss auf Richtung und Geschwindigkeit. Nicht einmal dann, wenn die Fahrt rasant an einer Wand zu enden droht.

Die guten Radikalen sind leise. Leider. Sie zeigen sich durch Aufklärung und weisen auf eventuelle Lösungen die Hoffnung machen, aber deren Ausgang ungewiss ist, weil es noch nie jemand probiert hat (siehe Bedingungsloses Grundeinkommen). Gute Radikale haben selten Patentrezepte. Aber sie begegnen der Zukunft ohne Denkschranken und Dogmen, gehen neue Wege und stellen das Alte in Frage.
Gute Radikale fordern immer die eigene Verantwortung und das selbständige Denken. Denken aber macht Arbeit und für sich selbst Verantwortung übernehmen auch. Vermutlich ist das der Grund, warum es die guten Radikalen so schwer haben, sich Gehör zu verschaffen.

Bleibt nur noch die dritte Gruppe derer, die nicht radikal sind. Diese Gruppe ist eine Masse aus furchtbar trägen und zähen Menschen, die sich in den Umständen eingerichtet haben, in denen sie leben. „Da kann man doch sowieso nichts machen“ und „Was geht’s mich an“ sind Sätze, mit denen diese Leute ihr Nicht-wissen-wollen entschuldigen.
Genau so wie der Bauer nicht isst was er nicht kennt, lehnt diese zahlenmäßig größte Gruppe Veränderungen ab, die ihren Alltag durcheinander bringen könnten. Das alte Bekannte, so schlecht und destruktiv es auch sein mag, ist ihnen lieber als das neue Unbekannte, selbst dann, wenn das neue Unbekannte offensichtliche Vorteile mit sich bringt. Sie bevorzugen die schlechten Verhältnisse, weil sie an sie gewöhnt sind. Dort kennen sie sich aus.

Und das ist gefährlich. Denn genau an dieser Stelle macht es die Masse den schlechten Radikalen einfach. Weil Nicht-wissen-wollen nicht unbedingt verhindert, dass Unzufriedenheit über die eigene Situation entsteht, schafft die Masse der Nichtradikalen Ansatzpunkte für die schlechten Radikalen. Die verstehen es, dort einzuhaken und die Masse an ihre Ziele anzuhängen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis so einer zum Führer von Anhängern wird, wie die Geschichte zeigt und der Erfolg des holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders deutlich macht.

Das kann verhindert werden. Mit Aufklärung. Und zwar radikal.

Thema: Allgemein, Geschichte, Kultur, Politik, Umwelt, Wirtschaft | Kommentare (4) | Autor: Olaf Sander

Kein Bock auf Bashing

Dienstag, 23. März 2010 16:31 | Autor: Olaf Sander

Vielleicht wundert es dich, dass hier im Blog zur Zeit relativ tote Hose beim Polit-Bashing herrscht. Der Grund dafür ist einfach; ich bin müde.

So oft habe ich mich über die hauptsächlich deutschen Politkasper aufgeregt, gegen, und ganz selten auch mal für sie, argumentiert. Ich habe die Polemik bemüht und mich in Sachlichkeit geübt. Ich war laut und direkt, habe sie mit der verbalen Faust mitten in ihre feisten Fressen geschlagen und ich war leise und diplomatisch, mit respektvoller Anrede, sauberer Argumentation, politisch korrekter Botschaft und am Schluss mit einem höflichen Abschied, damit sie ihr Gesicht nicht verlieren.
Ich habe das was ich dachte und wissen wollte irgendwo in den virtuellen Raum gerufen und ich habe verschiedene Politiker im Laufe der Zeit direkt kontaktiert. Wenn ich dann doch mal eine Antwort erhielt, beispielsweise wenn ich direkt in deren Blog geschrieben habe, war die Antwort erstens nichtssagend und zweitens recht schnoddrig. Wirklich zugehört und nachgedacht hat keiner.
Damit habe ich auch nicht gerechnet. So naiv bin ich nicht, denn schließlich haben Politiker ja viele furchtbar wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben zu erledigen und deshalb nur ganz wenig Zeit. Wer bin ich denn?
Aber ich hielt es eben auch nicht für ganz ausgeschlossen. Im letzten Winkel meines Hirns saß ein Häufchen Hoffnung und hoffte. So viel Naivität musste dann doch sein. Woran sonst hätte ich mich festhalten sollen?

Und jetzt?

Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Was soll ich denn noch sagen zu solchen Figuren wie Westerwelle, Rösler, Röttgen, die beiden Köhlers…?
Was kümmert´s den Mond, wenn ihn die Hunde anbellen?
Siehste.

Wenn das eigene Leben gefühlt Bergfest feiert, beginnt man schonmal in den Rückspiegel zu schauen und zu überlegen, welche Ziele man erreicht hat. Und da habe ich für mich festgestellt, dass es meine Nerven sind, meine Zeit und mein Potential, was ich gegen nichts eintausche, wenn ich mich über diese ausgemacht korrupten und fachlich unfähigen Leute echauffiere.
Die Erkenntnis ist, du wirst jetzt vielleicht lachen, dass Politiker nicht dafür da sind, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Sie sind dafür da, uns irgendwelche Strategien zu verkaufen, diese durchzusetzen und mindestes den Status quo zu erhalten. Niemand wird Politiker, weil er ein Philanthrop ist. Philanthropen haben keine Chance politisch erfolgreich zu werden – und wenn doch, werden sie erschossen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet diejenigen das Volk vor sich selbst und seinen negativen Eigenschaften schützen sollen, die selbst vor allem nur wegen dieser Eigenschaften auf die politischen Positionen gerückt sind, auf denen sie jetzt sitzen. Sie erwecken den Eindruck, als wären sie im Auftrag des Volkes unterwegs und gaukeln uns vor, für uns zu arbeiten. Das tun sie nicht. Wir, das Volk, müssen das begreifen.

Noch ein wir, nämlich die wilde und bunte Community der Blogger, müssen etwas begreifen, was uns unter Umständen schwer fallen wird. Das ganze Gemotze in unseren ungezählten Polit-Blogs, so berechtigt und gerechtfertigt das ist und so gut oder schlecht diese Meinungsäußerungen auch formuliert sind – das vielstimmige Gezeter nützt überhaupt nichts. Es sind ins große weite Internet hinausposaunte Meinungsäußerungen, die fast immer ohne Konsequenzen bleiben.

Der gleiche Mechanismus findet sich übrigens auch bei Demos. Da könnten sich die Stuttgarter jeder einzeln ein Tyfon um den Hals hängen und Krach machen, der Bahnhof würde ja doch gebaut.
Oder denken wir an das kriegerische Völkchen der Wendländer, die schon seit Jahrzehnten der Atompolitik Paroli bieten und in Sachen friedlicher Aufstand als Experten gelten dürften. Gorleben ist wieder aktuell und die Atomlobby reibt sich die Hände. Jeder kleine Erfolg der Wendländer war vergebens, weil so einer wie Röttgen Umweltminister geworden ist.

Und jetzt?

Aufhören ist keine Alternative. Aber vielleicht ein Ändern der Blickrichtung. Wenn du nun erwartest, dass ich mich zu einem eigenen kleinen Projekt bekenne, welches die Welt retten soll, dann irrst du. Ich halte solcherlei Versuche für reine Zeit- und Ressourcenverschwendung. Sie unterstützen geradezu die politische Kaste und deren industrielle Hintermännerlobbyisten, weil sie die Menschen beschäftigt und sie deshalb vom Denken abhält – sofern sie überhaupt noch richtig denken können. (Nein, das ist nicht arrogant. Das ist nur ein anderes Thema.)
Diese kleinen Projekte funktionieren ganz gut, wenn sie denn mal laufen, genügend Geld da ist um sie fortzuführen und sie schön klein bleiben, damit sie keine Aufmerksamkeit erzeugen. Das allein ist aber schon schwer genug. Beginnen solcherlei Aktivitäten aber an den politischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen zu zerren, dann werden sie entweder vereinnahmt, ausgehungert oder zerstört.
Im Kleinen zu starten um im Großen etwas zu ändern ist eine Illusion. Was geändert werden muss sind die Rahmenbedingungen, in deren Grenzen sich die Gesellschaft bewegt.

Ich werde das Bashing in Zukunft noch mehr Georg Schramm, Urban Priol und den anderen politischen Kabarettisten überlassen. Die können das so viel besser als ich und sie brauchen Unterstützung. Außerdem sind sie, im Gegensatz zu mir, witzig.

Im Großen und Ganzen werde ich versuchen, die einzelnen Polit-Figuren von nun an mit Missachtung zu strafen, sie zu ignorieren und sie nicht in ihrem kurzfristigen Tun ernst zu nehmen. Sie sind es einfach nicht wert.

Ich will nach vorne sehen und nicht nach hinten oder nach oben. Ich will mal schauen was in der Zukunft so los ist. Und keine Panik, die Zukunft ist garantiert hochpolitisch.

Thema: Allgemein, Politik, Zukunftspläne | Kommentare (14) | Autor: Olaf Sander

… würde jemand deshalb den Vatikan bombardieren?

Donnerstag, 18. März 2010 14:52 | Autor: Olaf Sander

Gnadenlos. Vernichtend. Und überhaupt nicht komisch.

Bitte höre niemals damit auf, Hagen!

Thema: Georg Schramm & Co., Politik, Satire | Kommentare (1) | Autor: Olaf Sander

Verkauf den Idioten doch einfach ein U

Donnerstag, 18. März 2010 14:33 | Autor: Olaf Sander

Nun ist raus, was eigentlich immer klar war. Das Verteidigungsministerium hat in der Kunduz-Affäre versucht alle an der Nase herumzuführen und die Wahrheit gezielt unter den Teppich zu kehren. “Alle” meint nicht nur uns, das Volk, denn das wäre ja nichts ungewöhnliches, sondern auch Nato-Ermittler und Justiz. Dafür gab es eigens eine “Gruppe 85″, die sich um die “kommunikative Strategie” gekümmert hat und alles in allem wirkt das Ganze auf mich wie die Story aus einem schlechten Ami-Film.

Btw. erst dieser Tage wurde gefeiert, dass Deutschland seine Rüstungsexporte seit 2005 verdoppelt hat.

Vielleicht sollten wir die kriegerischen Erfolgsmaßstäbe nicht mehr an so emotionalen Dingen wie Zivilisten- und Soldatenleben fest machen, sondern an der Anzahl der verschossenen Munition, den exportierten Panzern, Flugzeugen und anderen technischen Meisterleistungen aus dem Innovationsbereich der Verteidigungsindustrie.

Verteidigungsindustrie… Auch ein schönes Wort, finde ich.

Thema: Politik, Wirtschaft | Kommentare (0) | Autor: Olaf Sander

Die Leute wollen eine klare Sprache hören!

Mittwoch, 17. März 2010 18:53 | Autor: Olaf Sander

Es waren die letzten drei Minuten der gestrigen Kabarett-Sendung „Neues aus der Anstalt“ im ZDF, die aus einer großartigen Folge, dieser Superlativ muss jetzt sein, eine der großartigsten Folgen überhaupt machte.
Georg Schramm verschießt in diesen letzten drei Minuten ein wahres Feuerwerk an verbalen Raketen. „Die Leute wollen eine klare Sprache hören!“ erwidert er Urban Priol, der auf köstliche Art und Weise nicht versucht, ihn von seiner lautstarken Attacke abzuhalten.

Was Georg Schramm dort sagt, hat jeder einigermaßen informierte und klar denkende Mensch selbst schon einmal gedacht. Nur traut sich keiner so etwas zu sagen, weil es politisch nicht korrekt ist. Glücklicherweise ist das Georg Schramm aber egal.

Drei Minuten reichen ihm, um das Licht, in dem die Dinge und Figuren stehen, komplett zu ändern und die „Schönen“, „Reichen“ und „Erfolgreichen“ zu entlarven.

Seine politische Unkorrektheit sei hiermit wärmstens empfohlen.

Folge 33 in der ZDF-Mediathek

Podcast zum Download und zum immer wieder und wieder und wieder anschauen

Thema: Georg Schramm & Co., Kultur, Politik, Satire, Wirtschaft | Kommentare (4) | Autor: Olaf Sander

Komm und hol dir die Energie!

Montag, 15. März 2010 14:01 | Autor: Olaf Sander

Psst, du da! Ja, du! Komm mal her…

Ist heute wieder einer dieser Montage, an denen du so furchtbar schwer in Gang kommst?
Liegt wieder ein Woche voller Monotonie, Termine und Entscheidungen vor dir und hast du so gar keine Lust und Power wieder durchzustarten?

Ich hab da was für dich.
Kostet auch nix.
Nein, weh tut es auch nicht.
Aber es macht dich vielleicht abhängig. Das solltest du wissen.
Komm, trau dich und probier es mal. Ich helfe dir auch.

Also, als erstes drehst du die Lautsprecher hoch.
Höher.
Noch ein bisschen.
Ja, so ist´s gut.

Und jetzt klickst du auf “Play”.

Aber pass auf, der Flash kommt schnell. Wirklich schnell…

Songtext Feuer: [...]

Thema: Kultur, Musik | Kommentare (2) | Autor: Olaf Sander

Vom Kellner zum Hoteldirektor – über ein Märchen, das gar keines ist

Freitag, 12. März 2010 11:48 | Autor: Olaf Sander

Der dänische Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen ist für die Dänen das, was für uns Deutsche die Gebrüder Grimm sind. Seine bei uns bekanntesten Märchen sind z. B. „Die kleine Meerjungfrau“ („Den lille Havfrue“), „Das hässliche Entlein“ („Den grimme Ælling“) und „Die wilden Schwäne“ („De vilde Svaner“). Weniger bekannt aber dürfte das Märchen vom „Tölpel-Hans“ („Klods-Hans“) sein.

Der Tölpel-Hans ist einer von drei Brüdern, die allesamt auszogen um die Königstochter zu freien, die in einem Wettbewerb den Besten der Besten ermitteln will. Eine Prinzessin, das weiß jeder der Märchen mag, nimmt nunmal nicht irgendwen zum Manne.
Man erkennt sofort am Namen, dass der Underdog in dieser Geschichte der Tölpel-Hans ist. Ihm geht öfter mal so einiges schief und er ist alles andere als ein Gelehrter. Seine Brüder sind ihm gegenüber augenscheinlich im Vorteil, weil sie mit allerlei tollen und angelernten Fähigkeiten ausgestattet sind, um die Königstochter zu beeindrucken. Dem Tölpel-Hans fehlen natürlich solcherlei Qualifikationen, was ihn aber nicht daran hindert, dennoch sein Glück zu versuchen.

Der Rest ist kurz erzählt. Der Tölpel-Hans gewinnt den Wettbewerb, heiratet die Prinzessin und wird König. All die Fähigkeiten und Werkzeuge der Brüder haben nichts genützt, denn die beiden haben im entscheidenden Augenblick versagt und wussten nichts mit ihrem Wissen anzufangen. Was ihnen fehlte war diese Mischung aus Mut, Wille, Kreativität und Optimismus, also Eigenschaften, die, richtig eingesetzt, bei allen erwarteten und unerwarteten Ereignissen des Lebens weiterhelfen. Das war es, was dem Tölpel-Hans letztlich zum Erfolg verhalf. Seine „Strategie“ lässt sich vielleicht ganz gut mit dem Wort Lebensweisheit umschreiben.

Ich muss zugeben, dass ich dieses Märchen zunächst nicht begriffen habe, als es im Dänischunterricht behandelt wurde und wir einen Aufsatz darüber schreiben sollten. Ich habe den Erfolg vom Tölpel-Hans als reines Glück interpretiert – und somit nicht verstanden, wie mir die beste Ehefrau von allen, nämlich meine, dann auch gleich eindrucksvoll erklärte. “Wenn man nicht versteht”, sagt sie, “dann muss man seine Nase so lange in das Thema stecken, bis man es verstanden hat.” Recht hat sie.
Das mir dann aber ausgerechnet ein Unternehmen beim Verstehen der Weisheit aus dem Märchen vom Tölpel-Hans half, ist die eigentliche Geschichte, die ich euch erzählen will.

Googles Wege sind unergründlich

Alles begann mit einer Suchanfrage bei Google um herauszufinden, was andere über das Märchen denken und zu welchen Konklusionen sie kamen. Dabei spuckte die Suchmaschine einen Satz aus, der nach einer Stellenanzeige aussah, mir dennoch etwas seltsam erschien.

„Vi ansætter med andre ord gerne folk med en lidt ”skæv” baggrund. Du må gerne være en moderne Klods Hans, der vil have ”prinsessen, …”

(„Mit anderen Worten stellen wir gerne Leute mit einem „schiefen“ Lebenslauf ein. Du kannst gerne ein moderner Tölpel-Hans sein, der die Prinzessin haben will, …“)

Starker Tobak für mich als Deutscher. Völlig klar, dass ich auf diesen Link geklickt habe, denn wenn einer einen schiefen Lebenslauf hat, dann ich.

Dort auf der Seite verkündet Preben Nesager, Konzernchef der dänischen Hotelkette Comwell, stolz (in dänischer Sprache), dass bei ihnen im Konzern alle entweder König oder gar nichts sind. Für eine Hotelkette ist das zunächst sicher keine ungewöhnliche Einstellung, aber wenn man weiter liest wird schnell deutlich, dass damit nicht nur die Gäste der Hotels gemeint sind, sondern – und zwar ausdrücklich – auch die Mitarbeiter.

Märchenhafte Verhältnisse

Was der Konzernchef da schreibt klingt wirklich wie ein Märchen. Denn für ihn „ist Comwell ein Gewächshaus, wo Samen gesät, gewässert und gepflegt werden, damit sie sich zu individuellen Kronjuwelen einer kollektiven Sammlung entwickeln können.“

Er erzählt wie ein Koch der die Schauspielerei liebte, aber des Kochens überdrüssig war, zeigen durfte, was er außer dem Kochen künstlerisch noch so alles kann. Seine Kunstfertigkeit hat den Konzerndirektor überzeugt. Der Koch wurde, es passte wohl auch vom Timing ganz gut, Chef eines Theaters, welches Comwell gerade in Eigenregie aufbaute. Das Resultat ist, dass der Künstler heute wieder kreativ kocht – landesweit im Fernsehen.

Eine Mitarbeiterin beschreibt ihren Werdegang von der Kellnerin hin zur Konferenzchefin eines der angesehensten Konferenzhotels Dänemarks. Sie erzählt von ihrem Arbeitsalltag, von der Verantwortung, die sie hat und von den tausend kleinen Dingen, die so ein Vollblutorganisator immer im Hinterkopf haben muss, damit die Gäste bekommen was sie wollen und sich obendrein auch noch wohl fühlen.
Eine andere Angestellte, sie ist Marketingkoordinatorin im Konzern, hat ihre Karriere als Bürobotin begonnen und berichtet jetzt stolz von ihrem Werdegang innerhalb der Hotelkette.
Generell scheint es bei Comwell Usus zu sein, dass an vielen wichtigen Stellen im Unternehmen Leute sitzen, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt haben.

Wer will der kann

Der Mitarbeiter wächst mit seinen Aufgaben, nach seinen Fähigkeiten und – ganz wichtig – nach seinen Wünschen. Damit er diese auch äußern kann, gibt es nicht nur laufend Gespräche von den Mitarbeitern mit ihren unmittelbaren Vorgesetzten, sondern mindestens einmal im Jahr ein Gespräch um genau herauszufinden, ob irgendwo der Schuh drückt, Unzufriedenheit herrscht oder einfach eine Qualifikation fehlt, die das persönliche Portfolio erweitern könnte.
Möglich macht das das Comwell College, welches Kurse für alle möglichen und im Hotelgewerbe wichtigen Qualifikationen für die eigenen Mitarbeiter bereit hält. Was der Konzernchef Preben Nesager über Gewächshäuser und Kronjuwelen erzählt ist keine bloße Phrase und Makulatur fürs Unternehmens-Image. Es ist ihm, so mein Eindruck, eine Herzensangelegenheit.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, Comwell ist kein Tollhaus. Das ist ein hochprofessioneller Laden. Die beiden besten Konferenzköche Dänemarks, gerade erst im Februar dieses Jahres mit Gold und Silber prämiert, arbeiten für die Hotelkette. Die Sterne der Häuser reichen von drei bis fünf und die Hotelkette ist führend im Bereich der Konferenzhotels und bei den Gesundheits- und Wellnessangeboten (Spa).
Mag sein, dass die Melodie bei Comwell deshalb eine andere ist, weil sich hier skandinavische Lebensart mit gelebter Professionalität vermischt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Wort, wie die Firma auf ihrer Homepage schreibt, gut ist, die Handlung aber besser.

Der Mensch im Zentrum ist eine skandinavische Tugend

Kommunikation basiert, typisch für Skandinavien, auf Augenhöhe. Als Kunde kann es einem gut passieren, dass man in einer Firma mit dem Chef spricht, ohne es überhaupt zu merken, weil er weder vom Verhalten, noch vom Äußeren her von seinen normalen Angestellten zu unterscheiden ist. Comwell treibt diese überaus vernünftige und angenehme Arbeits- und Lebensart auf die Spitze. Und das hat Konsequenzen.
Die Vorgesetzten im Unternehmen vermitteln nicht den Eindruck, ihren Angestellten vor-zu-sitzen. Vielmehr scheinen sie sich selbst als Dienstleister ihrer Mitarbeiter zu betrachten, damit die Mitarbeiter Dienstleister für die Gäste sein können.
Die Logik dahinter ist denkbar einfach: geht es den Angestellten gut, fühlen die sich wohl und am für sie richtigen Platz, dann hat das unmittelbare Auswirkungen auf ihre Arbeit und sichert langfristig den Erfolg des Unternehmens.

Womit wir bei den Gästen wären und sich der Kreis für den Organismus Hotel schließt. Die Gäste sollen sich nicht nur wohl fühlen und wiederkommen, sie sollen auch ganz offen ihre Meinung sagen – und zwar im Internet.
Das Unternehmen macht sich, auch ganz offen, Gedanken darüber, wie die Unternehmenskommunikation verbessert werden kann. Web 2.0 ist kein Angst- und Crowdsourcing kein Fremdwort. Im firmeneigenen Blog fordert Comwell seine Gäste auf, sich gerne in die Debatten einzuklinken und mitzureden, ohne sich auf den staatlichen, für jeden zugänglichen und leicht verständlichen, Kontrollrapporten auszuruhen. So etwas macht ein Unternehmen nur dann, wenn es weiß, dass es kaum Kritik zu befürchten hat, weil es selbst Maßstäbe setzt. Das Fazit, welches Comwell zieht, ist, dass diese Art zu Arbeiten am Ende die beste Dividente abwirft. Und das sehen auch die Gäste so:

„Stemningen og atmosfæren er bedre end andre steder.
Ét er, at der er styr på tingene, men man mærker fra det øjeblik man træder ind ad døren, at her er nogle medarbejdere, som er stolte af deres arbejdsplads, og som nyder at drage omsorg for ens ve og vel.
Man bliver mødt med åbent blik og varme smil fra alle – også fra de damer, der står for rengøringen, som ellers ofte andre steder forsøger at gøre sig usynlige.
Man bemærker, at det samme personale er her i årevis.“

(„Die Stimmung und die Atmosphäre ist besser als anderswo.
Eines ist, dass die Dinge unter Kontrolle sind, aber man merkt in dem Augenblick, in dem man zur Tür hereintritt, dass die Mitarbeiter stolz auf ihren Arbeitsplatz sind und sich gerne um unser Wohl kümmern.
Man bekommt von allen einen offenen Blick und ein warmes Lächeln – auch von den Damen, die das Hotel reinigen, die an anderen Stellen aber immer versuchen unsichtbar zu sein.
Man merkt, dass das gesamte Personal jahrelang im Hotel arbeitet.“)

Mal ganz ehrlich, so unter uns Deutschen…

Möchte man da nicht auch gerne ein Tölpel-Hans sein und in so einem Unternehmen arbeiten?

Thema: Allgemein, Kultur, Wirtschaft | Kommentare (0) | Autor: Olaf Sander