Der dänische Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen ist für die Dänen das, was für uns Deutsche die Gebrüder Grimm sind. Seine bei uns bekanntesten Märchen sind z. B. „Die kleine Meerjungfrau“ („Den lille Havfrue“), „Das hässliche Entlein“ („Den grimme Ælling“) und „Die wilden Schwäne“ („De vilde Svaner“). Weniger bekannt aber dürfte das Märchen vom „Tölpel-Hans“ („Klods-Hans“) sein.
Der Tölpel-Hans ist einer von drei Brüdern, die allesamt auszogen um die Königstochter zu freien, die in einem Wettbewerb den Besten der Besten ermitteln will. Eine Prinzessin, das weiß jeder der Märchen mag, nimmt nunmal nicht irgendwen zum Manne.
Man erkennt sofort am Namen, dass der Underdog in dieser Geschichte der Tölpel-Hans ist. Ihm geht öfter mal so einiges schief und er ist alles andere als ein Gelehrter. Seine Brüder sind ihm gegenüber augenscheinlich im Vorteil, weil sie mit allerlei tollen und angelernten Fähigkeiten ausgestattet sind, um die Königstochter zu beeindrucken. Dem Tölpel-Hans fehlen natürlich solcherlei Qualifikationen, was ihn aber nicht daran hindert, dennoch sein Glück zu versuchen.
Der Rest ist kurz erzählt. Der Tölpel-Hans gewinnt den Wettbewerb, heiratet die Prinzessin und wird König. All die Fähigkeiten und Werkzeuge der Brüder haben nichts genützt, denn die beiden haben im entscheidenden Augenblick versagt und wussten nichts mit ihrem Wissen anzufangen. Was ihnen fehlte war diese Mischung aus Mut, Wille, Kreativität und Optimismus, also Eigenschaften, die, richtig eingesetzt, bei allen erwarteten und unerwarteten Ereignissen des Lebens weiterhelfen. Das war es, was dem Tölpel-Hans letztlich zum Erfolg verhalf. Seine „Strategie“ lässt sich vielleicht ganz gut mit dem Wort Lebensweisheit umschreiben.
Ich muss zugeben, dass ich dieses Märchen zunächst nicht begriffen habe, als es im Dänischunterricht behandelt wurde und wir einen Aufsatz darüber schreiben sollten. Ich habe den Erfolg vom Tölpel-Hans als reines Glück interpretiert – und somit nicht verstanden, wie mir die beste Ehefrau von allen, nämlich meine, dann auch gleich eindrucksvoll erklärte. “Wenn man nicht versteht”, sagt sie, “dann muss man seine Nase so lange in das Thema stecken, bis man es verstanden hat.” Recht hat sie.
Das mir dann aber ausgerechnet ein Unternehmen beim Verstehen der Weisheit aus dem Märchen vom Tölpel-Hans half, ist die eigentliche Geschichte, die ich euch erzählen will.
Googles Wege sind unergründlich
Alles begann mit einer Suchanfrage bei Google um herauszufinden, was andere über das Märchen denken und zu welchen Konklusionen sie kamen. Dabei spuckte die Suchmaschine einen Satz aus, der nach einer Stellenanzeige aussah, mir dennoch etwas seltsam erschien.
„Vi ansætter med andre ord gerne folk med en lidt ”skæv” baggrund. Du må gerne være en moderne Klods Hans, der vil have ”prinsessen, …”
(„Mit anderen Worten stellen wir gerne Leute mit einem „schiefen“ Lebenslauf ein. Du kannst gerne ein moderner Tölpel-Hans sein, der die Prinzessin haben will, …“)
Starker Tobak für mich als Deutscher. Völlig klar, dass ich auf diesen Link geklickt habe, denn wenn einer einen schiefen Lebenslauf hat, dann ich.
Dort auf der Seite verkündet Preben Nesager, Konzernchef der dänischen Hotelkette Comwell, stolz (in dänischer Sprache), dass bei ihnen im Konzern alle entweder König oder gar nichts sind. Für eine Hotelkette ist das zunächst sicher keine ungewöhnliche Einstellung, aber wenn man weiter liest wird schnell deutlich, dass damit nicht nur die Gäste der Hotels gemeint sind, sondern – und zwar ausdrücklich – auch die Mitarbeiter.
Märchenhafte Verhältnisse
Was der Konzernchef da schreibt klingt wirklich wie ein Märchen. Denn für ihn „ist Comwell ein Gewächshaus, wo Samen gesät, gewässert und gepflegt werden, damit sie sich zu individuellen Kronjuwelen einer kollektiven Sammlung entwickeln können.“
Er erzählt wie ein Koch der die Schauspielerei liebte, aber des Kochens überdrüssig war, zeigen durfte, was er außer dem Kochen künstlerisch noch so alles kann. Seine Kunstfertigkeit hat den Konzerndirektor überzeugt. Der Koch wurde, es passte wohl auch vom Timing ganz gut, Chef eines Theaters, welches Comwell gerade in Eigenregie aufbaute. Das Resultat ist, dass der Künstler heute wieder kreativ kocht – landesweit im Fernsehen.
Eine Mitarbeiterin beschreibt ihren Werdegang von der Kellnerin hin zur Konferenzchefin eines der angesehensten Konferenzhotels Dänemarks. Sie erzählt von ihrem Arbeitsalltag, von der Verantwortung, die sie hat und von den tausend kleinen Dingen, die so ein Vollblutorganisator immer im Hinterkopf haben muss, damit die Gäste bekommen was sie wollen und sich obendrein auch noch wohl fühlen.
Eine andere Angestellte, sie ist Marketingkoordinatorin im Konzern, hat ihre Karriere als Bürobotin begonnen und berichtet jetzt stolz von ihrem Werdegang innerhalb der Hotelkette.
Generell scheint es bei Comwell Usus zu sein, dass an vielen wichtigen Stellen im Unternehmen Leute sitzen, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt haben.
Wer will der kann
Der Mitarbeiter wächst mit seinen Aufgaben, nach seinen Fähigkeiten und – ganz wichtig – nach seinen Wünschen. Damit er diese auch äußern kann, gibt es nicht nur laufend Gespräche von den Mitarbeitern mit ihren unmittelbaren Vorgesetzten, sondern mindestens einmal im Jahr ein Gespräch um genau herauszufinden, ob irgendwo der Schuh drückt, Unzufriedenheit herrscht oder einfach eine Qualifikation fehlt, die das persönliche Portfolio erweitern könnte.
Möglich macht das das Comwell College, welches Kurse für alle möglichen und im Hotelgewerbe wichtigen Qualifikationen für die eigenen Mitarbeiter bereit hält. Was der Konzernchef Preben Nesager über Gewächshäuser und Kronjuwelen erzählt ist keine bloße Phrase und Makulatur fürs Unternehmens-Image. Es ist ihm, so mein Eindruck, eine Herzensangelegenheit.
Damit kein falscher Eindruck entsteht, Comwell ist kein Tollhaus. Das ist ein hochprofessioneller Laden. Die beiden besten Konferenzköche Dänemarks, gerade erst im Februar dieses Jahres mit Gold und Silber prämiert, arbeiten für die Hotelkette. Die Sterne der Häuser reichen von drei bis fünf und die Hotelkette ist führend im Bereich der Konferenzhotels und bei den Gesundheits- und Wellnessangeboten (Spa).
Mag sein, dass die Melodie bei Comwell deshalb eine andere ist, weil sich hier skandinavische Lebensart mit gelebter Professionalität vermischt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass das Wort, wie die Firma auf ihrer Homepage schreibt, gut ist, die Handlung aber besser.
Der Mensch im Zentrum ist eine skandinavische Tugend
Kommunikation basiert, typisch für Skandinavien, auf Augenhöhe. Als Kunde kann es einem gut passieren, dass man in einer Firma mit dem Chef spricht, ohne es überhaupt zu merken, weil er weder vom Verhalten, noch vom Äußeren her von seinen normalen Angestellten zu unterscheiden ist. Comwell treibt diese überaus vernünftige und angenehme Arbeits- und Lebensart auf die Spitze. Und das hat Konsequenzen.
Die Vorgesetzten im Unternehmen vermitteln nicht den Eindruck, ihren Angestellten vor-zu-sitzen. Vielmehr scheinen sie sich selbst als Dienstleister ihrer Mitarbeiter zu betrachten, damit die Mitarbeiter Dienstleister für die Gäste sein können.
Die Logik dahinter ist denkbar einfach: geht es den Angestellten gut, fühlen die sich wohl und am für sie richtigen Platz, dann hat das unmittelbare Auswirkungen auf ihre Arbeit und sichert langfristig den Erfolg des Unternehmens.
Womit wir bei den Gästen wären und sich der Kreis für den Organismus Hotel schließt. Die Gäste sollen sich nicht nur wohl fühlen und wiederkommen, sie sollen auch ganz offen ihre Meinung sagen – und zwar im Internet.
Das Unternehmen macht sich, auch ganz offen, Gedanken darüber, wie die Unternehmenskommunikation verbessert werden kann. Web 2.0 ist kein Angst- und Crowdsourcing kein Fremdwort. Im firmeneigenen Blog fordert Comwell seine Gäste auf, sich gerne in die Debatten einzuklinken und mitzureden, ohne sich auf den staatlichen, für jeden zugänglichen und leicht verständlichen, Kontrollrapporten auszuruhen. So etwas macht ein Unternehmen nur dann, wenn es weiß, dass es kaum Kritik zu befürchten hat, weil es selbst Maßstäbe setzt. Das Fazit, welches Comwell zieht, ist, dass diese Art zu Arbeiten am Ende die beste Dividente abwirft. Und das sehen auch die Gäste so:
„Stemningen og atmosfæren er bedre end andre steder.
Ét er, at der er styr på tingene, men man mærker fra det øjeblik man træder ind ad døren, at her er nogle medarbejdere, som er stolte af deres arbejdsplads, og som nyder at drage omsorg for ens ve og vel.
Man bliver mødt med åbent blik og varme smil fra alle – også fra de damer, der står for rengøringen, som ellers ofte andre steder forsøger at gøre sig usynlige.
Man bemærker, at det samme personale er her i årevis.“
(„Die Stimmung und die Atmosphäre ist besser als anderswo.
Eines ist, dass die Dinge unter Kontrolle sind, aber man merkt in dem Augenblick, in dem man zur Tür hereintritt, dass die Mitarbeiter stolz auf ihren Arbeitsplatz sind und sich gerne um unser Wohl kümmern.
Man bekommt von allen einen offenen Blick und ein warmes Lächeln – auch von den Damen, die das Hotel reinigen, die an anderen Stellen aber immer versuchen unsichtbar zu sein.
Man merkt, dass das gesamte Personal jahrelang im Hotel arbeitet.“)
Mal ganz ehrlich, so unter uns Deutschen…
Möchte man da nicht auch gerne ein Tölpel-Hans sein und in so einem Unternehmen arbeiten?