Wer mich kennt der weiß, dass ich es nicht so mit der Partei „DIE LINKE“ habe. Und mit Kommunisten hab ich´s schon gar nicht, gleichwohl es einige unter ihnen gibt, die ich für aufrichtig und glaubwürdig halte. Sahra Wagenknecht zum Beispiel. DaMax hat eine Rede von ihr im Bundestag als Video in sein Blog gestellt (6:35 Min.), in dem sie recht klar sagt:
“Die Währungsunion wird uns um die Ohren fliegen, wenn Sie Zockerbanken und Hedgefonds weiter spekulieren lassen, wenn Sie weiter zulassen, dass ganze Staaten in die Pleite spekuliert werden und wenn Sie die aberwitzigen Finanzinstrumente, die das alles ermöglichen, nicht endlich verbieten.”
Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Aber ihre Forderung ist letztlich nichts weiter als die Forderung von notwendigen und im Kern unstrittigen Maßnahmen, damit vielleicht noch ein paar Grundmauern vom europäischen Haus stehen bleiben. Das Ganze sollte aber schnell passieren, weil es an vielen Ecken brennt – nicht nur auf unserem Kontinent. Ich bin also an dieser Stelle mit Sahra Wagenknecht einig. Sollte es aber irgendwann einmal um längerfristige Strategien gehen, möchte ich sie dann doch gerne wieder neu beurteilen wollen.
Während für die meisten Menschen im Land klar ist, was kurzfristig getan werden müsste, aber kaum einer der führenden Köpfe in Politik und Wirtschaft auch nur leiseste Anstalten macht über die nächste Wahl oder den nächsten Quartalsbericht hinaus nachzudenken, sieht die langfristige Zukunft trübe aus.
Warum tun diese Leute das? Sind diejenigen, die gerade unsere Zukunft verspielen alles Zocker und Hasardeure? Folgt das kurzfristige Denken und Handeln in Wirtschaft und Politik allein nur der Gewinnmaximierung, also der Gier? Was denken diese Menschen über sich selbst? Wer oder was ist noch dafür verantwortlich, dass sie tun was sie tun – oder eben nicht tun?
In der aktuellen Ausgabe der brand eins schreibt Wolf Lotter im Leitartikel „Warten auf den Eiermann“ was passiert, wenn die Realität an die Tür klopft. Da machen die meisten Menschen, so sein Fazit, gar nicht erst die Tür auf. Sie lassen sie zu und basteln sich eine Welt, wie sie ihnen gefällt.
Lotter schreibt viel, gut und durchdacht. Und er reisst unsere Vorurteile ein, dass es nur so scheppert.
„Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beschäftigten sich führende Ökonomen eben immer wieder auch mit dem “menschlichen Faktor”, der abseits kalter Modelle wie dem Homo oeconomicus stand. Rationalität ist keine theoretische Sache. Doch die Zahlenfetischisten gewannen die Oberhand. Ihre technokratischen Epigonen haben uns die Finanzkrise eingebrockt. Nicht etwa deshalb, weil sie sich irrational verhalten oder “gezockt” hätten. Das ist gern wiederholter Unsinn. Sie haben im Gegenteil alles streng nach Lehrbuch gemacht. So, wie man sich verhalten soll. Das ist allerdings nicht vernünftig.“
Die haben nicht gezockt. Die haben alles richtig gemacht. Nie haben sie etwas anderes gelernt. So wurde ihnen das System beigebracht, so haben sie es übernommen und so arbeiten sie, ganz Business as usual, heute noch. Ihr Tun entspringt ihrer Herkunft, ihren Werten und ihrem Selbstverständnis und ist in ihrer Welt gut, richtig und normal.
So gesehen erklärt das nicht nur die unglaubliche Chuzpe einiger Banker und Manager trotz Pleite Millionengehälter einzuklagen, sondern auch, warum deren Wahrnehmung über die Auswirkungen des eigenen Handelns in der wirklichen Welt, für uns, die darin Leben und in ihr klar kommen müssen, so verzerrt erscheinen. Für uns, die nichts mit Spekulationen und Politik zu tun haben ist das, Wolf Lotter sagte es bereits, alles andere als vernünftig. Aber um Vernunft geht es bei den selbst gebastelten Welten nicht. Dort verhält man sich genau so, wie man sich verhalten soll oder verhalten will.
Die meisten Banker, Manager und Politiker haben nicht das Gefühl anderen etwas wegzunehmen, gleichwohl immer wieder die geflügelten Worte Gordon Gekkos aus dem Film “Wall Street” vom verlorenen Geld ironisch zitiert werden, welches nicht weg ist, sondern was nur ein anderer hat. Diesen Menschen, so scheint es, fehlen die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten, um über den eigenen Tellerrand zu schauen, was sie aber nicht daran hindert davon auszugehen, dass die Welt ausserhalb des Tellerrands ihr Eigentum ist, mit dem sie tun und lassen können, was sie wollen.
Diese ihre Sichtweise zu ändern dürfte gar nicht so einfach werden. Denn sie leben in einem System der selbstgebastelten Welten – und davon gibt es viele, verstreut über den gesamten Globus. Potenziert wird das Dilemma dadurch, dass diese Welten ineinander verschachtelt sind und dass es immer nützliche Idioten gibt, die den Erbauern dieser Welten die Steigbügel halten und sie hofieren, weil sie sich einen Vorteil, ein paar Krümel vom großen Kuchen, versprechen.
Die nützlichen Idioten auf allen Ebenen des Systems haben meist selbst gebastelte Welten, deren Motivationen, Werte und Ziele aber von den selbstgebastelten Welten der Herren, denen sie dienen, indoktriniert sind.
Zum Beispiel von der globalen Finanzindustrie. Diese bemerkenswerteste aller selbstgebastelten Welten hat zwar überhaupt nichts mit der Realität zu tun, dient aber als das Maß aller Dinge. In der Neoklassischen Wirtschaftstheorie, also der Theorie, der ungefähr seit den 70ern gefolgt wird, gibt es eine Trennung der Gesamtwirtschaft in einen realen und einen monetären Sektor. Darauf haben sowohl John Maynard Keynes wie auch Karl Marx aus gutem Grund verzichtet. Diese Theorie wird der Realität nämlich nicht gerecht.
Die ganzen verschiedenen Krisen werden Konsequenzen haben. Sie sind nämlich gerade dabei sich zu einer allumfassenden Superkrise aufzutürmen. Vielleicht würde eine Verbindung aus der Forderung Sahra Wagenknechts und dem Hinweis Wolf Lotters auf die Handlungsmechanismen Auswege aus dem globalen Dilemma aufzeigen. Die Zeichen der Zeit zeigen allerdings mehr auf ein erneutes Tal voll Blut und Tränen, als auf einen Sieg der Vernunft.
Wahrscheinlich braucht es erst einen Zusammenbruch des gesamten Systems, damit die gebastelten Welten von ihren Erbauern verlassen werden und die Vernunft – dann wiedereinmal unter größten Schmerzen geboren – das Zepter in der Realität übernehmen kann.