So wie Sie können´s die Studenten nicht – ein offener Brief an Familienministerin Kristina Köhler

Dienstag, 1. Dezember 2009 22:22 | Autor: Olaf Sander

Sehr geehrte Frau Köhler,

herzlichen Glückwunsch zur Ernennung zur Bundesfamilienministerin. Ich freue mich, dass eine junge Frau mit dieser wirklich sehr verantwortungsvollen Aufgabe betraut wurde. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und es sieht so aus, als würde das zumindest persönlich für Sie in Erfüllung gehen. Ob Sie politisch erfolgreich aus Sicht der Wähler sein werden, wird die Zukunft zeigen.

Ihr neues Lächeln, welches seit dem Paukenschlag Ihrer Ernennung über alle Fernsehkanäle strahlt, hat Schatten – jedenfalls für mich. Der Grund liegt vor allem in Ihrem akademischen Titel, dem Doktor.

Sueddeutsche.de berichtet am 30. November 2009 in dem Artikel „Das schwarze Netz von Frau Doktor“, wie und auf welche Art Sie ihren Titel erreicht haben. Was mich dabei stört ist der gravierende Unterschied zwischen Aufwand und Erfolg, den Sie hatten um zum Dr. zu kommen und den andere Studenten haben, um sich zum gleichen Ziel durchzukämpfen.

Während sich Studierende in Deutschland kaputt arbeiten, einerseits um über die Runden zu kommen und andererseits um die Anforderungen ihres Studiums zu erfüllen, bedanken Sie sich als Protegé bei Ronald Pofalla, dem heutigen Kanzleramtsminister. Während sich Studenten mühsam durch verschiedene Datenbanken kämpfen – sofern sie überhaupt Zugang bekommen –, ihre Daten mühsam erheben und um unter Unterstützung betteln müssen, bekamen Sie alle Daten, die Sie benötigten Frei Haus, weil Sie

1. selbst CDU-Abgeordnete sind,

2. nur Abgeordnete und Mitglieder der CDU befragt haben,

3. von Ihrem einflussreichen Doktorvater Professor Dr. Jürgen Falter, Politikwissenschaftler an der Uni Mainz und Ronald Pofalla offensichtlich die nötige Fürsprache erhielten (wer hilft schon nicht gerne, wenn aus der Parteispitze um Hilfe für eine nette und attraktive Studentin gebeten wird?),

4. Mitarbeiter im Konrad-Adenauer-Haus hatten, die für Sie die Stichproben zogen und die Fragebögen verschickten,

5. durch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter Ihres Doktorvaters faktisch die gesamte Fleißarbeit an der Dissertation gemacht bekommen haben und

6. einen Büroleiter hatten, der Ihre Termine organisierte und somit auch das für Sie Wichtige vom Unwichtigen getrennt hat.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, denn ich kann verstehen, dass Sie die Möglichkeiten die sich Ihnen boten am Schopf ergriffen und genutzt haben. Jeder Andere hätte das vermutlich auch getan. Nur, wer von den jeden Anderen kann das schon?

Es ist nach meinem Empfinden eine furchtbar große bildliche Diskrepanz zwischen Ihnen, der smarten Nachwuchspolitikerin, die da scheinbar fröhlich hüpfend und pfeifend mal eben neben ihrer zeitraubenden politischen Arbeit, noch eine Dissertation schreibt und Studenten, die aus lauter Verzweiflung die Hörsäle ihrer Unis besetzten, weil es so, wie es derzeit für sie läuft, nicht mehr weitergehen kann.

Es geht nicht darum, Ihre Dissertation zu bewerten, denn das kann ich nicht, weil ich sie nicht gelesen habe. Es geht aber darum, wie Sie zu ihr gekommen sind und wie der damit erworbene Titel als qualitatives Prädikat augenscheinlich ihre Kompetenzen schönt. Nach meinem Empfinden ist das in Ihrem Fall reines Marketing, weil, sueddeutsche.de hat es ja bereits geschrieben, „der Doktortitel Gesprächspartner und potentielle Wähler beeindruckt“.

Das ist meiner Meinung nach des Pudels Kern und ein ganz großes Problem für Ihre Glaubwürdigkeit. Denn die Studenten, die auch 16 Stunden und mehr am Tag arbeiten – und zwar, wie schon geschrieben, nur um zu überleben und das Studium zu bestehen – werden durch solche Artikel und O-Töne wie denen bei sueddeutsche.de, mächtig vor den Kopf gestossen.
Genau damit haben Sie sich, mit dem Tag Ihres Amtsantritts als Familienministerin, bei den Studenten, und bestimmt auch bei deren Familien, gehörig unbeliebt gemacht. Denn irgendwie kommt das Ganze nämlich so rüber, als riefen Sie „Ätsch, ich bin klüger als ihr, weil mir der Lehrer die Aufgaben gemacht hat“.

Ein solcher erster Eindruck bei den Bürgern wird Ihnen wohl nicht dazu verhelfen, politische Sympathieträgerin zu werden. Dabei ist es vermutlich gar nicht mal so sehr der Fakt, dass Sie die „Hilfe“ bekommen und genommen haben, als vielmehr die Art und Weise, wie Sie – gefühlt – damit kokettieren.

Gestatten Sie mir bitte deshalb drei Fragen, sehr geehrte Frau Köhler:

Was denken Sie, wie viele Studenten im Land von sich behaupten können, eine solche Unterstützung zu erhalten, bzw. erhalten zu haben?

Was denken Sie als Diplom Soziologin, werden sich Studenten denken, nachdem sie den Artikel bei sueddeutsche.de gelesen haben?

Können Sie mich und meine subjektive Sicht auf diese Thematik verstehen?

Über eine Antwort von Ihnen würde ich mich sehr freuen.

Ich erlaube mir, diese Zeilen und Ihre Antwort auch in meinem Blog www.wort-schuetzen.de online zu stellen.

Mit freundlichen Grüßen

Olaf Sander

Update: Ich habe die Frage an Kristina Köhler auf ihrer Hompage unter diesem Link gestellt. Sie hat um Verständnis gebeten, wenn die Antwort ein paar Tage auf sich warten lässt. Das kann ich verstehen. Sie will die Frage prüfen, ob sie presserechtlich in Ordnung ist und der Netikette entspricht. Auch das kann ich verstehen. Was ich nicht verstehen könnte, ist, wenn Frau Köhler gar nicht antwortete.

Autor: Olaf Sander
Datum: Dienstag, 1. Dezember 2009 22:22
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6 Kommentare

  1. 1

    genial, mein grosser. veit

  2. 2

    Ich weiß noch wie meine Frau sich auf einer Stipendiums-Messe umgeschaut hat. An allen Ständen das Gleiche “Für ein Stipendium müssen sie sich irgendwo engagieren!” “Nun, neben dem Studium bin ich noch Mutter..” “Nein das reicht nicht, sind sie zB Mitglied einer Partei?”…..

  3. 3

    ach ja ich vergaß. Meine Frau war auf dieser Messe, da uns langsam das Geld ausging und sie trotz hervorragender Note vor der Entscheidung stand das Studium abzubrechen. Tagesmütter/Kita ist teuer! Aber Frau Köhler ist ja jetzt Familien
    ministerin…

  4. 4

    Guter Artikel, Olaf….undich bin sehr gespannt auf die Antwort von Frau Köhler, wenn es denn überhaupt eine geben wird….Allerdings ist der Vergleich mit den Studierenden nicht ganz treffend, weil Promovenden ihr Studium in der Regel bereits abgeschlossen haben und entweder auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Beschäftigung an der Uni oder neben der sonstigen Berufstätigkeit promovieren.
    Ansonsten gehe ich mal davon aus, dass Frau Köhlers Weg zum Titel kein Einzelfall ist…und nicht umsonst gibt´s so viel Betrugsfälle im Umfeld des Dr.- Erwerbs. Liegt halt daran, dass ein Titel ungeheure Strahlkraft hat und niemehr jemand nachfragt, in welcher Disziplin er denn womit erworben wurde. Das Wahlvolk will geblendet sein….und dann warten wir mal ab, wann´s den ersten Professor h.c. für Frau Köhler gibt.

  5. 5

    [...] So wie Sie können´s die Studenten nicht – ein offener Brief an Familienministerin Kristina Köhl… [...]

  6. 6

    [...] könnt ihr euch an den offenen Brief an Bundesfamilienministerin Kristina Köhler erinnern, den ich Anfang Dezember an sie geschrieben habe und in dem ich sie bat, uns ihre Sicht [...]

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