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Kein Bock auf Bashing

Dienstag, 23. März 2010 16:31

Vielleicht wundert es dich, dass hier im Blog zur Zeit relativ tote Hose beim Polit-Bashing herrscht. Der Grund dafür ist einfach; ich bin müde.

So oft habe ich mich über die hauptsächlich deutschen Politkasper aufgeregt, gegen, und ganz selten auch mal für sie, argumentiert. Ich habe die Polemik bemüht und mich in Sachlichkeit geübt. Ich war laut und direkt, habe sie mit der verbalen Faust mitten in ihre feisten Fressen geschlagen und ich war leise und diplomatisch, mit respektvoller Anrede, sauberer Argumentation, politisch korrekter Botschaft und am Schluss mit einem höflichen Abschied, damit sie ihr Gesicht nicht verlieren.
Ich habe das was ich dachte und wissen wollte irgendwo in den virtuellen Raum gerufen und ich habe verschiedene Politiker im Laufe der Zeit direkt kontaktiert. Wenn ich dann doch mal eine Antwort erhielt, beispielsweise wenn ich direkt in deren Blog geschrieben habe, war die Antwort erstens nichtssagend und zweitens recht schnoddrig. Wirklich zugehört und nachgedacht hat keiner.
Damit habe ich auch nicht gerechnet. So naiv bin ich nicht, denn schließlich haben Politiker ja viele furchtbar wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben zu erledigen und deshalb nur ganz wenig Zeit. Wer bin ich denn?
Aber ich hielt es eben auch nicht für ganz ausgeschlossen. Im letzten Winkel meines Hirns saß ein Häufchen Hoffnung und hoffte. So viel Naivität musste dann doch sein. Woran sonst hätte ich mich festhalten sollen?

Und jetzt?

Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Was soll ich denn noch sagen zu solchen Figuren wie Westerwelle, Rösler, Röttgen, die beiden Köhlers…?
Was kümmert´s den Mond, wenn ihn die Hunde anbellen?
Siehste.

Wenn das eigene Leben gefühlt Bergfest feiert, beginnt man schonmal in den Rückspiegel zu schauen und zu überlegen, welche Ziele man erreicht hat. Und da habe ich für mich festgestellt, dass es meine Nerven sind, meine Zeit und mein Potential, was ich gegen nichts eintausche, wenn ich mich über diese ausgemacht korrupten und fachlich unfähigen Leute echauffiere.
Die Erkenntnis ist, du wirst jetzt vielleicht lachen, dass Politiker nicht dafür da sind, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Sie sind dafür da, uns irgendwelche Strategien zu verkaufen, diese durchzusetzen und mindestes den Status quo zu erhalten. Niemand wird Politiker, weil er ein Philanthrop ist. Philanthropen haben keine Chance politisch erfolgreich zu werden – und wenn doch, werden sie erschossen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet diejenigen das Volk vor sich selbst und seinen negativen Eigenschaften schützen sollen, die selbst vor allem nur wegen dieser Eigenschaften auf die politischen Positionen gerückt sind, auf denen sie jetzt sitzen. Sie erwecken den Eindruck, als wären sie im Auftrag des Volkes unterwegs und gaukeln uns vor, für uns zu arbeiten. Das tun sie nicht. Wir, das Volk, müssen das begreifen.

Noch ein wir, nämlich die wilde und bunte Community der Blogger, müssen etwas begreifen, was uns unter Umständen schwer fallen wird. Das ganze Gemotze in unseren ungezählten Polit-Blogs, so berechtigt und gerechtfertigt das ist und so gut oder schlecht diese Meinungsäußerungen auch formuliert sind – das vielstimmige Gezeter nützt überhaupt nichts. Es sind ins große weite Internet hinausposaunte Meinungsäußerungen, die fast immer ohne Konsequenzen bleiben.

Der gleiche Mechanismus findet sich übrigens auch bei Demos. Da könnten sich die Stuttgarter jeder einzeln ein Tyfon um den Hals hängen und Krach machen, der Bahnhof würde ja doch gebaut.
Oder denken wir an das kriegerische Völkchen der Wendländer, die schon seit Jahrzehnten der Atompolitik Paroli bieten und in Sachen friedlicher Aufstand als Experten gelten dürften. Gorleben ist wieder aktuell und die Atomlobby reibt sich die Hände. Jeder kleine Erfolg der Wendländer war vergebens, weil so einer wie Röttgen Umweltminister geworden ist.

Und jetzt?

Aufhören ist keine Alternative. Aber vielleicht ein Ändern der Blickrichtung. Wenn du nun erwartest, dass ich mich zu einem eigenen kleinen Projekt bekenne, welches die Welt retten soll, dann irrst du. Ich halte solcherlei Versuche für reine Zeit- und Ressourcenverschwendung. Sie unterstützen geradezu die politische Kaste und deren industrielle Hintermännerlobbyisten, weil sie die Menschen beschäftigt und sie deshalb vom Denken abhält – sofern sie überhaupt noch richtig denken können. (Nein, das ist nicht arrogant. Das ist nur ein anderes Thema.)
Diese kleinen Projekte funktionieren ganz gut, wenn sie denn mal laufen, genügend Geld da ist um sie fortzuführen und sie schön klein bleiben, damit sie keine Aufmerksamkeit erzeugen. Das allein ist aber schon schwer genug. Beginnen solcherlei Aktivitäten aber an den politischen oder ökonomischen Rahmenbedingungen zu zerren, dann werden sie entweder vereinnahmt, ausgehungert oder zerstört.
Im Kleinen zu starten um im Großen etwas zu ändern ist eine Illusion. Was geändert werden muss sind die Rahmenbedingungen, in deren Grenzen sich die Gesellschaft bewegt.

Ich werde das Bashing in Zukunft noch mehr Georg Schramm, Urban Priol und den anderen politischen Kabarettisten überlassen. Die können das so viel besser als ich und sie brauchen Unterstützung. Außerdem sind sie, im Gegensatz zu mir, witzig.

Im Großen und Ganzen werde ich versuchen, die einzelnen Polit-Figuren von nun an mit Missachtung zu strafen, sie zu ignorieren und sie nicht in ihrem kurzfristigen Tun ernst zu nehmen. Sie sind es einfach nicht wert.

Ich will nach vorne sehen und nicht nach hinten oder nach oben. Ich will mal schauen was in der Zukunft so los ist. Und keine Panik, die Zukunft ist garantiert hochpolitisch.

Thema: Allgemein, Politik, Zukunftspläne | Kommentare (14) | Autor: Olaf Sander

Hütet euch vor Daniel Pipes! (es sein denn, ihr wollt den totalen Krieg)

Freitag, 5. Februar 2010 23:30

Daniel wer? Muss man den kennen?

Eigentlich nicht, aber besser wäre es schon. Denn er gehört nach eigenen Angaben zu den “Who’s Who in the World”, hat das Middle East Forum gegründet, in Harvard Geisteswissenschaften studiert, am US Naval War College gelehrt, hat im US Außen- und Verteidigungsministerium gearbeitet, ist dort Mitglied der “Special Task Force on Terrorism and Technology”, einer besonderen Arbeitsgruppe zu Terrorismus und Technologie und er schreibt in Springers “Welt”.

In einem Artikel auf “Welt-Online” legt er seine Sicht auf die Welt dar. Und die ist schlicht gesagt eine Mischung aus konservativem Neoliberalismus und Goebbelscher Propaganda.
Ganz offen fordert Pipes Präsident Obama auf, doch endlich mal den Iran zu bombardieren, weil, wir wissen bereits am Stichwort um was geht, die Atompolitik der iranischen Regierung alles andere als duchsichtig ist. Aber nicht nur die Atombombe als solche schwebt als Damoklesschwert über dem Weltfrieden, sondern auch – und das höre bzw. lese ich heute zum ersten Mal – elektromagnetische Impulse, mit denen die wild gewordenen Iraner die USA bombardieren (?) und zerstören könnten.

Gerade jetzt, ich wollte auf der Homepage der Welt den Artikel noch einmal nachlesen damit ich keinen Unsinn schreibe, ist der Artikel nicht mehr auffindbar.

Natürlich ist einer wie Pipes, der so eine wichtige Botschaft für die Deutschen hat, nicht darauf angewiesen, dass ein Verlag seine Artikel online hält, nicht mal dann, wenn der Verlag “Springer” heißt und möglicherweise selbst denen so viel geballte Demagogie nicht geheuer ist oder unpassend erscheint.
Deshalb schreibt Pipes es auch noch einmal in seinem Blog, was uns die Möglichkeit gibt, seinen in Schleifchen verpackten Hass auf die Muslime dieser Welt zu bewundern. Oder uns angewidert abzuwenden.

Seine These ist kurz erzählt. Die Iraner wollen die Weltherrschaft und Obama kann nur dann ein angesehender und erfolgreicher amerikanischer Präsident werden, wenn er die Atomanlagen im Iran bombardiert.

Mal abgesehen davon, dass die Amerikaner ohnehin schon fast an ihren vielen außenpolitischen Verpflichtungen zu ersticken drohen, es innenpolitisch auch nicht viel besser aussieht und ein Krieg gegen den Iran schon allein deshalb Wahnsinn wäre – aber warum diese Propaganda? Und warum gerade jetzt?

Der Iran hat signalisiert im Atomstreit einzulenken und die Forderungen des Westens zu erfüllen. Das könnte, wie so oft, Taktik der iranischen Machthaber um Mahmud Ahmadinedschad sein. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Iran wirklich einlenkt, einfach deshalb, weil es eben gar nicht so einfach ist eine Atombombe zu bauen und eine Rakete, die dieses massenmordende Paket zum Ziel transportiert.
Die überraschende Teilnahme des iranischen Außenministers Manutschehr Mottaki an der Münchner Sicherheitskonferenz, lässt laut tagesschau.de jedenfalls hoffen, dass es so ist.

Wenn Pipes betont, dass es in seinem “Strategievorschlag” an Obama nicht darum ginge eine Regimewechsel durchzuführen, sondern “nur” die Atomanlagen zu bombardieren, dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder er will Krieg und ruft die Geister herbei oder er ist unendlich naiv, dumm und deshalb seinen Harvardabschluss nicht wert.
Denn Fakt ist, dass es sich der Iran sicher nicht gefallen lassen wird, wenn die USA – und mit ihr vermutlich auch die NATO – deren Atomanlagen bombardieren. Da spielt es den Amerikanern auch nicht in die Hände, dass das iranische Volk die eigenen Teufel Mahmud Ahmadinedschad und Ali Chamene’i (Chamene’i ist der der politische und religiöse Führer, Ahmadinedschad der Präsident) aus den Tempeln jagen wollen und deshalb schon seit längerem Aufstände proben. Greift die USA den Iran an werden die Iraner den Iran verteidigen, egal, was für ein Vollidiot das Land gerade regiert. Man muss nicht Islamwissenschaften oder den Nahen Osten studiert haben, um das zu verstehen.

Daniel Pipes ist ein Hetzer, ein Spalter, ein Demagoge par excellence. Man darf ihm nicht zuhören. Was aber wirklich nachdenklich stimmen sollte ist, dass er auch in Deutschland hetzt. Wir sind nämlich in der NATO.

Update: Der Bildblog nimmt sich auch des Themas an. Erst über Pipes selbst und dann noch über die BILD und ihre “saubere Recherche:

Artikel über Pipes: Ein schlechter Clausewitz
Artikel über Bild: Die Irreführung von Teheran

Thema: Allgemein, Medien, Politik, Wirtschaft | Kommentare (1) | Autor: Olaf Sander