Tag-Archiv für » Diktatur «

Pass auf was Du trägst – oder die Gefährlichkeit von Shirts für die Sicherheit des Staates

Mittwoch, 25. November 2009 10:01

Ich hatte mal, ich musste damals so um die acht, neun Jahre alt gewesen sein, ein Shirt, welches ich wirklich liebte. Es war ein Laibchen, das ganz eindeutig die Fahne der USA darstellte. Die Erwähnung meiner geschmacklichen wie modischen Verirrung aus Kindertagen lohnte nicht der Mühe, wenn diese Liebe nicht eine verbotene gewesen wäre. Denn dieses Shirt war gefährlich – um nicht zu sagen kreuzgefährlich. Nein, nicht für mich, jedenfalls nicht unmittelbar, aber für den Staat in dem ich aufwuchs. Dieser Staat hieß DDR und war eine Diktatur.

Ich war so stolz auf das Kleidungsstück, dass ich mich mit der Naivität eines Achtjährigen meinen Eltern widersetzte, die aus gutem Grund anordneten, das Shirt um Himmels willen nicht in die Schule anzuziehen.

Kaum in der Schule angekommen, begann der Eklat. „Die Fahne das Klassenfeindes am Körper ist Verrat“, „subversives Element“, und noch ein paar andere hochtrabende Bezeichnungen für ein Jungen mit Rotznase, sind mir in Erinnerung geblieben.
In Erinnerung geblieben ist mir auch, wie der Hausmeister unter großem Tamtam beauftragt wurde, das die sozialistische Ordnung störende Shirt den reinigenden Flammen unserer Schulheizung zu übergeben, was in der Konsequenz dann auch unmittelbar nach der Feststellung meiner Schuld und zum Statuieren eines Exempels geschah. Ich bekam ein gammeliges und verschwitztes Shirt aus DDR-Produktion, damit ich etwas am Körper trug und die Sache war im Kern überstanden. Ich diente als schlechtes Beispiel für alle und war mir dem Mitgefühl der meisten gewiss.

Jahre später, die Mauer hatten wir längst umgeschmissen, erinnerte ich mich an diesen Schwank aus meiner Kindheit. „Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei, in denen der Staat Angst vor den Shirts der Jugend hat.“ dachte ich mir und griente in mich hinein, denn schließlich waren es auch genau solche Aktionen der DDR, an denen sie letztlich selbst erstickte. Jetzt ist jeder frei und darf Fahne tragen, wie es ihm gefällt.

Denkste.

Denn was wäre die Welt ohne Revival und wie langweilig das Leben, wenn wir unsere Fehler nicht ständig wiederholten? Udo Vetter verlinkt in seinem Lawblog auf einen Zeitungsartikel der „Nürnberger Nachrichten“, in dem beschrieben wird, wie ein 15jähriger Junge, der an einer Demonstration teilnahm, festgenommen wurde, sich (im Präsidium) nackt ausziehen musste und letztlich – im November! – oben ohne nach Hause gehen durfte.

Das Vergehen des Schülers bestand darin, dass er ein Shirt trug, welches dem Staat nicht passte. Keine Fahne, aber vier Buchstaben, die Veranlassung genug waren, ihn als Teil der Zukunft unseres Landes zu behandeln wie einen Verbrecher.

A. C. A. B. – „All Cops Are Bastards“ (alle Bullen sind Bastarde).

Das ist alles.

Wohlgemerkt, dass passierte nicht in der DDR und nicht in einer Zeit, die knapp 30 Jahre zurück liegt. Das Ganze geschah vor knapp einer Woche. In Nürnberg.

Ich sags nicht gerne, aber ich finde, es stinkt verdammt nach Diktatur in unserer Demokratie.

Thema: Allgemein, Geschichte, Kultur, Politik | Kommentare (6) | Autor: Olaf Sander

Henryk M. Broder und die Galinskis

Freitag, 23. Oktober 2009 15:40

Gestern berichtete (nicht nur) die taz über den neuesten Marketinggag Henryk M. Broders in eigener Sache, der da postuliert, dass Holocaustleugnungen als Bagatelle behandelt werden sollen und er der neue Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland würde.

Broder, wohl selbst Jude, bügelt alle nieder die auch nur den Anschein von Dialogbereitschaft zwischen Juden und den so sehr verhassten „Arabern“ zeigen oder – man kann nicht beurteilen was für Broder schlimmer ist – die Kritik an Israels „Friedenspolitik“ äußern.

Der Populismus wird wieder chic in Deutschland. Endlich mal (wieder) einer der sagt, „was Sache“ ist. Der Mob hört das gerne, denn er ist ständig auf der Suche nach Schuldigen und dankbar für jeden sachdienlichen Hinweis, wie so manche Kommentare auf den Artikel zeigen. Einer der mich besonders geschüttelt hat, war dieser hier:

„Von Galinski:

Das ist mal wieder typisch.
Ein verdienter Mann mit anderer Meinung,
wird verunglimpft. Hier das Beispiel für eine perfide Art des Antisemitismus.
Broder for President!
Tilo. S. hat Bundesverdienstkreuz verdient!!!
Gegen Tabus und für Meinungsfreiheit in Deutschland.
Gegen Unterdrückung Andersdenkender!!!
For free Speech“

Jetzt stellt Euch mal vor, dieser Galinski findet unseren kleinen aber feinen Blog und diesen Artikel. Wetten, dass es dann vorbei wäre mit der Meinungsfreiheit des Andersdenkenden?

Was? Ach i wo! Geschichte wiederholt sich nicht. Niemals.

Oder doch? Bleibt uns bei diesen Wünschen nicht nur noch übrig, schonmal die Bücher auf einen Haufen zu stapeln und sich bei Heckler & Koch und Co. einzukaufen? Wäre es Familie Quandt anzuraten, BMW an die Chinesen zu verscherbeln und sich wieder auf ihre Herkunft zu besinnen, nämlich die Herstellung von Uniformen und anderen Rüstungsgütern?

Irgendsowas in der Art wird schon von Nöten sein, wichtig ist nur, dass Broder auch weiterhin zu den angesagtesten Keiltreibern der Gesellschaft gehört. Wir brauchen Menschen wie ihn, denn sie sorgen dafür, dass in der immer komplexer werdenden Welt die Denkweisen schön einfach gestrickt bleiben. Wo kämen wir denn auch hin, wenn uns die Feindbilder verloren gingen?

Machen wir uns nichts vor. Populisten wie Broder sind die Steigbügelhalter der kommenden Diktatoren. Und es wird wieder genügend Galinskis geben, die sowohl den einen als auch den anderen grölend an die Macht applaudieren.
Sie klopfen das Volk weich indem sie Gefahren zeichnen, die es realistische betrachtet gar nicht gibt. Sie machen Angst und rütteln an den niedersten Instinkten, denn sie wissen, dass diese Taktik bisher jede humanistische Kultur besiegt hat.

Nur die Galinskis, die wissen das nicht.

Thema: Geschichte, Kultur, Politik | Kommentare (0) | Autor: Olaf Sander