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Die Welt (der Flüchtlinge) in Zahlen

Mittwoch, 10. Februar 2010 21:55

Bitte beachtet die Hinweise am Ende der “Welt in Zahlen”1.


  • Zahl der Boat-People, die im Jahr 2007 nach Schätzungen der UNHCR an den Küsten Europas anlandeten [3]: 43.000
  • Zahl der Boat-People, die im Jahr 2008 nach Schätzungen der UNHCR an den Küsten Europas anlandeten [3]: 67.000
  • Zahl der Boat-People, die im Jahr 2008 allein in Italien und auf Malta anlandeten [3]: 38.000
  • Zahl der Boat-People, die im Jahr 2008 im bitterarmen Jemen anlandeten [3]: 51.091
  • Zahl der Boat-People, die in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 im bitterarmen Jemen anlandeten (ca.) [3]: 20.000
  • Zahl der Boat-People, die sich im Jahr 2008 nach Statistiken der EU per Seeweg von Afrika nach Europa aufmachten [2]: 80.000


  • Zahl der Migranten, die die europäische Grenzschutzagentur Frontex im Jahr 2008 nach eigenen Angaben bei ihren „Hera-Operationen“ nicht zu den Kanarischen Inseln durchgelassen und zurückgeschickt haben [4]: 5.969
  • Zahl der Grenzübertritte nach dem „Frontex General Report 2008“ (nicht endgültig verifiziert, aber im Report genannt) [4]: 175.000
  • Zahl der Grenzübertritte an der griechisch-albanischen Grenzen nach dem „Frontex General Report 2008“ (nicht endgültig verifiziert, aber im Report genannt) (ca.) [4]: 40.000


  • Mindestzahl der Flüchtlinge, die lt. verschiedener Pressemitteilungen seit 1988 entlang der europäischen Grenzen starben [1]: 14.714
  • Vermutliche Zahl von somalischen Flüchtlingen, die bisher im Golf von Aden umgekommen sind (ca.) [4]: 2.000


  • Zahl der Menschen, die im subsaharischen Afrika als Migranten gelten in Mio. [4]: 17
  • Zahl der „Illegalen“ in Südafrika nach Schätzungen des südafrikanischen Innenministerium in Mio. [4]: 7
  • Davon allein Flüchtlinge aus Simbabwe nach Schätzungen des südafrikanischen Innenministerium in Mio. [4]: 3
  • Zahl der Menschen allein in Westafrika, die nicht in Ländern leben, in denen sie geboren sind in Mio. [4]: 7,5
  • Zahl der Asylsuchenden, die zumindest den UN-Flüchtlingsstatus erhalten (auch wenn ihnen das kaum nützt, weil die Mehrheit wieder zurück (irgendwohin) geschickt werden) in Prozent [4]: 60
  • Zahl der Menschen, die im Jahr 2009 in den EU-Ländern Asyl beantragten [5]: 250.000
  • Zahl der Asylsuchenden in den EU-Ländern, denen auch Asyl gewährt worden ist: Unbekannt


  • Dauer des Gefängnisaufenthaltes aller ankommenden Flüchtlinge auf Malta, ohne Rücksicht auf Person, Herkunft oder Traumata in Monaten [4]: 18
  • Strafe für zwei tunesische Kapitäne, die am 08. August 2007 im Mittelmeer 44 Flüchtlinge aus Seenot retteten in Monaten [7]: 30


  • Höhe des UN-Millenniumsziels in Euro zur Halbierung der Armut in den Entwicklungsländern in Mrd. [9]: 32
  • Höhe der Entwicklungshilfe im letzten Jahr in Euro der großen Industriestaaten in Mrd.[9]: 72
  • Afrikas Schulden in Euro in Mrd. [9]: 98
  • Höhe der weltweiten Überweisungen in Dollar von Migranten in ihre Heimatländer in Mrd. [4]: 337


  • Höhe der (europäischen?) Zuwendungen in Dollar für die Verbesserungen des Grenzschutzes „in den nächsten Jahren“ an Libyen in Mrd. [8]: 25
  • Kosten in Euro für den Ausbau des Grenzschutzes in Europa, welche von den Staats- und Regierungschefs auf dem EU-Gipfel in Thessaloniki im Juni 2003 beschlossen wurden in Mio. [6]: 400
  • Kosten in Euro für das mit EU-Geldern finanzierte System „Sive“ (Integrated External Vigilance System), welches hochauflösende Infrarotkameras, Radarsysteme, Patrouillenboote und Helikopter beinhaltet, um Flüchtlinge in der Meerenge von Gibraltar aufzuspüren in Mio. [6]: 140
  • Entfernung von Europa und Afrika an der Meerenge von Gibraltar in Km. [6]: 14


Achtung!

Die hier dargestellten Zahlen sind nicht verifiziert und sollten auf keinen Fall als gesichert betrachtet werden. Es handelt sich lediglich um Zahlen, die von verschiedene Organisationen, Institutionen und Journalisten verwendet wurden. Sie sollen in der Hauptsache dazu dienen, ein Gefühl für die Größe des Problems zu bekommen. Es gibt keine offizielle Statistik über die realistischen Zahlen. Geht bitte davon aus, dass die Dunkelziffern sehr viel höher sind.


[1] Blog fortresseurope: “Festung Europa”
[2] Zeit Online: “Die Menschenfänger”
[3] PDF: Statistik: “Tote an EU-Grenzen 2009″
[4] TAZ: “Mythen der Migration” (Aus Le Monde diplomatique)
[5] BR-Online: “Wie wir versuchen, Immigranten fernzuhalten”
[6] Deutsche Welle Nord: “Unsichtbare Mauern der Festung Europa”
[7] Flüchtlingsrat BW: Punkt 7: “Italienisches Gericht auf Sizilien verhängt 2,5 Jahre Haft für Menschenretter”, Artikel von Judith Gleitze, borderline-europe
[8] Südwest Presse: “Weniger Flüchtlinge ertrinken, dafür verdursten mehr in der Wüste”
[9] Zeit Online: Grafik: “Seid verschlungen, Milliarden!”

  1. “Die Welt in Zahlen” ist eine Idee der brand eins, welcher ich mich frecherweise bediene, weil sie so gut ist und ich die brand eins, als erste und einzige Zeitschrift überhaupt, abonniert habe.

Thema: Kultur, Politik, Wirtschaft | Kommentare (0) | Autor: Olaf Sander

75facher Mord, untermalt von der Ode “An die Freude”

Dienstag, 2. Februar 2010 20:29

Kennt ihr das auch? Manchmal begegnen einem Menschen zum wiederholten Male, gleichwohl man sie nicht kennt, nie ein Wort mit ihnen gesprochen hat und das einzig Verbindende vielleicht nur die Buslinie ist, mit der jeder für sich an die Arbeit fährt. Es sind uns unbekannte Menschen die uns dennoch immer wieder ins Auge fallen, weil sie etwas an sich haben was die eigene Aufmerksamkeit erregt, aber worum man sich nicht weiter schert, weil der Kopf voll ist mit dem eigenen Alltag, mit Sorgen und Nöten, Wünschen, Hoffnungen und Plänen. Soweit so normal.

Seit dem August 2009 begegnen mir Menschen, die keinen Alltag mehr haben, keine Sorgen und Nöte, keine Wünsche und Hoffnungen und auch keine Pläne.

Sie sind nämlich tot*.

Begegnet sind mir diese Menschen das erste Mal in der Form einer Nachricht1. Dann in Gesprächen mit meiner Frau, mit Freunden und mit Verwandten. Und zu letzt traf ich auf sie, weil ein Verwandter von einem der Toten einen Kommentar auf meinen Artikel “Über Berlusconi, Schadenfreude und den ganzen Rest” hinterlassen hat. Er heißt Andy und das hat er geschrieben:

„Lieber Olaf,
ich habe heute zufällig deinen Beitrag über Borlusconi, Atommüll, Attentat, Demkratie, Europa, Fernsehen, Flüchtlinge, Lafontaine, Medien, Papst, Politik, Schadenfreude, Schäuble etc. gelesen und ich bin sehr froh auf diese Seite “gelandet” zu sein.
Ich bin einer von denen, welche einen Verwandten mit den 75 bootsflüchtlingen, die im August am Mittelmeer qualvoll sterben mussten, weil keiner ihnen helfen wollte, verloren hat.
Wir haben eine Interessengemeinschaft (boatp.team) bezüglich diese Geschichte gegründet und es baut uns auf, wenn wir Leute treffen, die diese Tat verurteilen und es würde uns freuen, wenn wir öffter solche Schreiben lesen würden. Dein Schreiben bezüglich Berlusconi: Du hast uns aus der Seele gesprochen. Wenn Berlusconi es so weit schaft, sein “christliches” Volk dazu zu bringen, Menschen in Not nicht mehr zu reten, fragen wir uns; und was macht Europa…..?????
Über die übrigen Thema, werde ich ein anderes Mal noch mehr schreiben. Wir, als boatp.team, family of the victims8/09, sind Dir aber für dein Beitrag dankbar.
viele Grüße
Andy“

Plötzlich sind mir diese unbekannten Toten nicht mehr unbekannt. War es bisher dem Empfinden nach „nur“ eine skandalöse Meldung und ungläubige Verwunderung darüber, dass das Geschehen nicht als Skandal wahrgenommen wurde, so ist es jetzt viel näher an mir dran, als mir lieb ist.

Ihr sollt mich bitte nicht falsch verstehen, denn ich bin Andy überaus dankbar für seinen Kommentar. Nur zwingt er mich damit auch, mich mit diesen Toten zu beschäftigen und mir bewusst zu machen, dass sie – todsicher – Opfer eines Verbrechens* wurden. Nun muss ich eine klare Position beziehen und diese auch laut machen. Verdrängen und den Alltag als Ausrede benutzen ist mir nicht mehr möglich.

Denn dies ist jetzt eine persönliche Sache.

Und jeder von Euch, der bis hier her gelesen hat, sollte den drei Wochen lang anhaltenden (!!!) langsamen 75fachen Mord an den Flüchtlingen persönlich nehmen – und zwar aus guten Gründen.

Es könnte nämlich sein, dass wir alle morgen schon in einer ähnlichen Situation sind wie diese Menschen und von dort flüchten müssen, wo wir leben. Die letzte große Flüchtlingsbewegung von uns Deutschen war vor ca. 20 Jahren, die vorletzte vor ca. 65 Jahren. Das ist beides also noch gar nicht so lange her und liegt beides innerhalb eines Menschenlebens. Es gibt überhaupt keinen Grund für uns anzunehmen, dass das, wegen welchen Ereignissen auch immer, nicht jederzeit wieder passieren könnte.

Wir Deutschen tragen aus mehreren Gründen die Verantwortung am Tod dieser Menschen mit. Als eine Nation, die stolz ist auf ihre Seefahrertradition, wäre es unsere Pflicht gewesen in dem Moment gegen dieses Verbrechen zu intervenieren, als es bei uns bekannt wurde. Alle die zu Werten gegossenen Leitsätze wie der, dass vor Gott und auf dem Meer alle Menschen gleich sind, wurden durch das Schweigen der deutschen Politik und der Unternehmer, die vom und mit dem Meer leben, obsolet. Übrig geblieben sind nur noch Phrasen.

Auch dürfte, nein muss, uns das befohlene Ignorieren von massenhaften Mord nicht fremd sein. Wir haben doch Erfahrungen. Nur sind es nicht wir, die jetzt gemordet haben, sondern die Malteser und die Italiener.
Wie bei den Nazis stillschweigend wegschaut wurde, als die Juden erst deportiert und dann vergast wurden, so schauen wir heute stillschweigend weg, wenn 75 afrikanische Flüchtlinge drei Wochen lang jämmerlich im Meer verrecken, weil Mitgliedsstaaten der EU einfach mal ein Exempel statuieren.

Das verstößt gegen alle unsere menschlichen, demokratischen und christlichen Werte und Wertvorstellungen und macht uns genau so schuldig, wie sich die Generation unserer Eltern und Großeltern schuldig gemacht hat. Wir haben nichts gelernt und die Konsequenzen tragen schon wieder die anderen.

Genau deshalb, liebe Freunde, ist die Sache so persönlich.

P.S.

* Bitte lesen und Hintergründe erfahren.

  1. ZDF Videotext, Fr 21.08.09, Tafel 127

    “Kapitäne ignorieren Schiffbrüchige: 75 Flüchtlinge tot,

    Zahlreiche afrikanische Flüchtlinge haben ihren Traum von einem besseren Dasein in Europa mit dem Leben bezahlt. Eine Gruppe von etwa 75 vornehmlich aus Eritrea stammenden Migranten kam nach Angaben der UN auf der Überfahrt von Libyen nach Italien zu Tode, nachdem ihrem Boot der Treibstoff ausgegangen war.”

    Zahlreiche Schiffe hätten das im Mittelmeer dümpelnde Boot passiert, ohne ihm zu Hilfe zu eilen, berichtete das Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen (UNHCR). Die Organisation berief sich auf Aussagen der fünf Überlebenden.

Thema: Politik | Kommentare (24) | Autor: Olaf Sander

Vietnamesen sterben nicht

Sonntag, 25. Oktober 2009 22:41

Es gibt so ein paar Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, denen ich noch so einigermaßen traue. Der Weltspiegel aus dem Ersten gehört dazu.

Heute berichteten sie von Vietnamesen, die in Polen von der vietnamesischen Mafia in übler Weise ausgebeutet werden. Das Üble, also das, was wir gerne verdrängen, nicht wahr haben wollen oder woran wir uns gewöhnt haben, geht hier aber ein Stückchen weiter, genauso wie es ein Stückchen näher an uns herangekommen ist.

Relativ weit am Ende des redaktionellen Textes unter o. g. Link, im fünften Absatz von unten, wird etwas beschrieben, was für uns bisher unmöglich schien, nämlich, dass ein Mensch nicht stirbt. Das geht aber nicht, wird der geneigte Leser jetzt denken und hat Recht damit, denn natürlich stirbt jeder Mensch, auch ein Vietnamese. Der stirbt nur anders, vor allem dann, wenn er zu den vermuteten 30.000 gehört, die das Schicksal nach Polen verschlagen hat.

Weil die Papiere eines dort lebenden Vietnamesen “besonders wertvoll” sind, werden sie nach ihrem Tod irgendwo verscharrt. Ein anderer, neu eingeschleuster Vietnamese, bekommt dann die Identität des Toten. Soweit so – mutmaßlich – normal.

Auf manche dieser bedauernswerten Geschöpfe wartet aber ein besonderer Tod.

Robert Krzysztoń, Verband „Freies Wort*”

„Es gibt eine Sache, die sich nicht beweisen lässt, in Zusammenhang mit den Vietnamesen, die aber existiert. Ich rede von Organhandel. Die Mafia holt die Menschen nach Polen und benutzt sie als lebende Kühlschränke. Es sind junge und gesunde Menschen. Die gehen allein auf die Reise, werden aber streng bewacht. Dann werden sie getötet und die Organe entnommen. Alle Spuren werden sehr sorgfältig verwischt. Hinterher sind die Menschen verschwunden, es bleiben nur Gerüchte. Wir wissen nicht, wie viele es sind, aber die Informationen sind absolut glaubwürdig.“

So unglaublich das klingt, so wahrscheinlich ist es auch. Da werden junge, gesunde Menschen zu nichts weiter gebraucht als dafür, als Ersatzteilspender zu fungieren. So etwas gab es bisher nur in China – jedenfalls aus unserer Sicht. Nun, so das Gerücht, ist es auch in Polen möglich. Polen ist Mitglied der EU. Polen ist unser Nachbar.

Man muss nicht fragen, wer diese Organe bekommt. Es sind die, die es sich leisten können, weil sie kein Gewissen, dafür aber ein Vermögen besitzen. Man muss auch nicht fragen, woher die “Bespendeten” kommen, denn wer jetzt nämlich nur an reiche Russen denkt, macht es sich ganz bestimmt zu einfach. Mit Sicherheit sind da auch Reiche aus Westeuropa dabei, denn ein armer oder durchschnittlich vermögender Mensch kann sich das nicht leisten, auch dann nicht, wenn es die vietnamesischen Organe im Sondernangebot gibt.
(Btw. wie viele von denen, die mit – ich sag jetzt mal – illegalen Organen herumlaufen, wurden erwischt und landeten vor Gericht? Hat da je jemand schon mal was von gehört? Wie ist da eigentlich der Straftatbestand und muss er das Organ dann wieder abgeben?)

Die polnische Polizei selbst ist heillos überfordert. Die haben die ersten “Nichtgestorbenen” als Opfer von Kannibalismus vermutet. Die Politik des Landes ist vermutlich nicht gewillt gegen die vietnamesiche Mafia vorzugehen und überlässt das Feld dem organisierte Verbrechen. Eine Folge daraus ist, dass in den letzten zehn Jahren nur 800 vietnamesische Flüchtlinge einen Asylantrag stellten. Sie wurden alle abgelehnt.

Ein Skandal in und mit unserer polnische Nachbarschaft indes brauchen wir nicht fürchten. Es sind ja nicht unsere Kinder.

* polnischer Menschenrechtsverband

Thema: Allgemein, Politik | Kommentare (0) | Autor: Olaf Sander