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Hütet euch vor Daniel Pipes! (es sein denn, ihr wollt den totalen Krieg)

Freitag, 5. Februar 2010 23:30

Daniel wer? Muss man den kennen?

Eigentlich nicht, aber besser wäre es schon. Denn er gehört nach eigenen Angaben zu den “Who’s Who in the World”, hat das Middle East Forum gegründet, in Harvard Geisteswissenschaften studiert, am US Naval War College gelehrt, hat im US Außen- und Verteidigungsministerium gearbeitet, ist dort Mitglied der “Special Task Force on Terrorism and Technology”, einer besonderen Arbeitsgruppe zu Terrorismus und Technologie und er schreibt in Springers “Welt”.

In einem Artikel auf “Welt-Online” legt er seine Sicht auf die Welt dar. Und die ist schlicht gesagt eine Mischung aus konservativem Neoliberalismus und Goebbelscher Propaganda.
Ganz offen fordert Pipes Präsident Obama auf, doch endlich mal den Iran zu bombardieren, weil, wir wissen bereits am Stichwort um was geht, die Atompolitik der iranischen Regierung alles andere als duchsichtig ist. Aber nicht nur die Atombombe als solche schwebt als Damoklesschwert über dem Weltfrieden, sondern auch – und das höre bzw. lese ich heute zum ersten Mal – elektromagnetische Impulse, mit denen die wild gewordenen Iraner die USA bombardieren (?) und zerstören könnten.

Gerade jetzt, ich wollte auf der Homepage der Welt den Artikel noch einmal nachlesen damit ich keinen Unsinn schreibe, ist der Artikel nicht mehr auffindbar.

Natürlich ist einer wie Pipes, der so eine wichtige Botschaft für die Deutschen hat, nicht darauf angewiesen, dass ein Verlag seine Artikel online hält, nicht mal dann, wenn der Verlag “Springer” heißt und möglicherweise selbst denen so viel geballte Demagogie nicht geheuer ist oder unpassend erscheint.
Deshalb schreibt Pipes es auch noch einmal in seinem Blog, was uns die Möglichkeit gibt, seinen in Schleifchen verpackten Hass auf die Muslime dieser Welt zu bewundern. Oder uns angewidert abzuwenden.

Seine These ist kurz erzählt. Die Iraner wollen die Weltherrschaft und Obama kann nur dann ein angesehender und erfolgreicher amerikanischer Präsident werden, wenn er die Atomanlagen im Iran bombardiert.

Mal abgesehen davon, dass die Amerikaner ohnehin schon fast an ihren vielen außenpolitischen Verpflichtungen zu ersticken drohen, es innenpolitisch auch nicht viel besser aussieht und ein Krieg gegen den Iran schon allein deshalb Wahnsinn wäre – aber warum diese Propaganda? Und warum gerade jetzt?

Der Iran hat signalisiert im Atomstreit einzulenken und die Forderungen des Westens zu erfüllen. Das könnte, wie so oft, Taktik der iranischen Machthaber um Mahmud Ahmadinedschad sein. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Iran wirklich einlenkt, einfach deshalb, weil es eben gar nicht so einfach ist eine Atombombe zu bauen und eine Rakete, die dieses massenmordende Paket zum Ziel transportiert.
Die überraschende Teilnahme des iranischen Außenministers Manutschehr Mottaki an der Münchner Sicherheitskonferenz, lässt laut tagesschau.de jedenfalls hoffen, dass es so ist.

Wenn Pipes betont, dass es in seinem “Strategievorschlag” an Obama nicht darum ginge eine Regimewechsel durchzuführen, sondern “nur” die Atomanlagen zu bombardieren, dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder er will Krieg und ruft die Geister herbei oder er ist unendlich naiv, dumm und deshalb seinen Harvardabschluss nicht wert.
Denn Fakt ist, dass es sich der Iran sicher nicht gefallen lassen wird, wenn die USA – und mit ihr vermutlich auch die NATO – deren Atomanlagen bombardieren. Da spielt es den Amerikanern auch nicht in die Hände, dass das iranische Volk die eigenen Teufel Mahmud Ahmadinedschad und Ali Chamene’i (Chamene’i ist der der politische und religiöse Führer, Ahmadinedschad der Präsident) aus den Tempeln jagen wollen und deshalb schon seit längerem Aufstände proben. Greift die USA den Iran an werden die Iraner den Iran verteidigen, egal, was für ein Vollidiot das Land gerade regiert. Man muss nicht Islamwissenschaften oder den Nahen Osten studiert haben, um das zu verstehen.

Daniel Pipes ist ein Hetzer, ein Spalter, ein Demagoge par excellence. Man darf ihm nicht zuhören. Was aber wirklich nachdenklich stimmen sollte ist, dass er auch in Deutschland hetzt. Wir sind nämlich in der NATO.

Update: Der Bildblog nimmt sich auch des Themas an. Erst über Pipes selbst und dann noch über die BILD und ihre “saubere Recherche:

Artikel über Pipes: Ein schlechter Clausewitz
Artikel über Bild: Die Irreführung von Teheran

Thema: Allgemein, Medien, Politik, Wirtschaft | Kommentare (1) | Autor: Olaf Sander

Wer hat Angst vorm bösen Netz?

Donnerstag, 15. Oktober 2009 21:29

1. Alles anders.

Es gibt immer mal wieder Zeiten in denen es wichtig ist Flagge zu zeigen, weil man sonst durch den Kakao gezogen wird. Sagt man nicht was einem nicht passt, wird man einer Schachfigur gleich und gerade so wie es anderen beliebt, auf dem Spielfeld des Lebens hin und her geschoben. Dann aber verliert man nicht nur seinen eigenen Standpunkt, sondern ganz sicher auch seine Freiheit. Denn immer waren es auch Gleichgültigkeit oder mindestens fehlender Mut, welche totalitären Gesellschaftssystemen den Weg mit ebneten.

Das mag Deutschland und Europa betreffend heute und vielleicht auch morgen noch übertrieben klingen, aber wenn man genau hinschaut, kann man trotz medialer Vernebelung die Weichenstellungen, weg von den demokratischen Grundordnungen und deren grundsätzlichen Werten und Normen, erkennen. Das Ziel allerdings, also der Ort, an den die Reise gehen soll, liegt im Übermorgen und aus gutem Grund spricht aus der Kaste der politischen Entscheider kaum einer darüber. Und wenn doch, dann sind es unbewiesene Verheißungen, denn es war ja noch keiner dort, an diesem Ort in der Zukunft.

Tatsächlich aber wird das Vergangene missbraucht, um das Gegenwärtige zu verschleiern und damit die Zukunft zu beeinflussen. Was wird nicht heute noch auf dem 11. September 2001 herumgeritten, diesen Tag voll sinnlos gestorbener Menschen. Wobei sinnlos vermutlich nicht ganz richtig ist, denn für so manche Branche war dieser Tag und seine Folgen äußerst sinnstiftend. Und zwar nachhaltig.
Dieser schlimme Tag in der Vergangenheit, der eindeutig falsche Entscheidungen und geradezu desaströse Konsequenzen zur Folge hatte, markiert den Beginn einer neuen Zeit.

„Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“ Dieser „Slogan“ hat sich, untermalt von Flugzeugen, die in einer Endlosschleife immer und immer wieder in die Türme krachen, tief in unseren Hirnen eingebrannt. Seit 9/11 leben wir unbestreitbar im Zeitalter des ewigen Krieges. Dieser Krieg ist Motor von so einigen entscheidenden innenpolitisch indoktrinierten Ängsten der Gegenwart. Die Frage hierbei ist nur, bei wessen Ängsten es sich lohnt genauer hinzuschauen?

2. Lebst du noch oder bibberst du schon?

Ängste kommen ja nicht von Ungefähr. Entweder bekommt man sie durch Erfahrung oder sie werden einem eingeredet. Letzteres ist recht einfach. Eltern zum Beispiel, die ihre Kinder von Hunden weg halten wollen, warnen die lieben Kleinen bei jedem noch so krummbeinigen Dackel mit den mahnenden Worten „Pass auf! Der beißt!“.
Politiker, die Macht haben wollen, echauffieren sich über Jugoslawen, Chinesen, Türken und Ausländer im Allgemeinen. Es gibt so viele über die behauptet wird, sie seien faul, gefährlich, würden beißen und in unsere – Entschuldigung – Ecken scheißen. Jürgen Rüttgers sagt so etwas in der Art, Thilo Sarrazin auch.

Die Mode des populistischen Rassismus ist wieder chic. Knapp 70 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg kleidet er in Deutschland erneut Politiker vom Schlage Rüttgers und Sarrazin. Der Mob hört es wohl gerne, denn mehr noch als den Populisten selbst liebt er die, die der Populist als Sündenbock deklariert.
Wurde den Menschen früher Angst vor dem Krummsäbel der Türken eingeredet, ist es heute eben das Kopftuch kleiner türkischer Mädchen. Beides gilt als Synonym für den Untergang des Abendlandes. Wo, bitteschön, ist der Unterschied?

Es ist das uralte Spiel von Angst machen und Angst haben. Macht einer den anderen Angst, bekommt er Macht über sie. Hat einer über andere Macht, macht er ihnen Angst. Das funktioniert. Gestern, heute und vielleicht auch morgen noch.

3. Red´du nur, ich surf lieber…

Allerdings, und das ist relativ neu, tritt der Geschichte, die sich gerade anschickt sich wiederholen zu wollen, eine von Zeit, Ländergrenzen und Entfernungen unabhängige, virtuelle Community entgegen. Und zwar mit einer eigenständigen und öffentlichen Meinung. Hier liegt das Problem für die Politiker eines jeden Landes, denn diese Meinung ist global. Es spielt im Netz einfach keine Rolle, ob der Gesprächspartner oder die Informationsquelle türkisch, deutsch, arabisch oder amerikanisch ist. Entscheidend ist die Qualität des Inhaltes und dessen Glaubwürdigkeit.

Politiker, ob sie nun Meier, Schulze, Rüttgers, von der Leyen oder Merkel heißen, erhalten ihre Macht immer nur lokal. Das aber beisst sich in einer Welt, die mehr und mehr miteinander verschmilzt, deren grösste Probleme alle gleichermaßen trifft und die deshalb zunehmend ein gemeinsames Bewusstsein entwickelt.

Die zuweilen komisch bis schmerzhafte Polemik, die fragwürdige Bilder über die „Freaks“, „Nerds“ und „Internetjunkies“ malt, macht denen Angst, die keinen blassen Schimmer vom Medium Internet, seinen Möglichkeiten und der Kultur darin haben. Das Dumme an der Sache ist nur, dass die, die sich damit Angst machen lassen immer weniger werden, im Gegensatz dazu aber die Anzahl derjenigen wächst, die das Netz als ein nicht mehr wegzudenkendes und alltägliches Kommunikations- und Informationsmedium betrachten.

Das politisch Gesagte kann jederzeit bei Youtube angeschaut oder in Foren diskutiert werden. Keiner ist mehr auf Hören-Sagen oder die Zeitung von gestern angewiesen. Die bisherigen Sprachrohre der Politik funktionieren nicht mehr und die Meinungsbildung ist, vielleicht das erste mal seit sehr langer Zeit, frei. Jeder ist sein eigener Minister für Propaganda. Jedenfalls noch.

Selbstverständlich, eine solche Freiheit birgt Gefahren. Nazis, Fundamentalisten aller Coleur, Sekten, Pornoanbieter, die die Misogynie1 zur perversen Vollendung treiben, Bombenbauanleitungen und Horrorfotos von Unfallopfern oder Amokläufen – all das findet man ohne große Mühe im Netz. Aber man findet auch das Andere, das, was weiterbringt, aufklärt und Wissen schafft. Aber darüber spricht man nicht so gerne, dass macht ja niemanden Angst.

Diese Politiker, vor allem die, die nicht müde werden vor den Gefahren des Internets zu warnen, sind die einzigen, die eine berechtigte Angst vor einem informationell freien Netz haben. Wobei an dieser Stelle hinzugefügt sein muss, dass mit der informationellen Freiheit kein rechtloses Areal gemeint ist, denn Betrug bleibt Betrug und Beleidigung bleibt Beleidigung. Dafür gibt es aus gutem Grund Gesetze und die gelten zum Glück auch virtuell.

Aber wo, zum Kuckuck, ist die Verbindung vom 11. September 2001, der politisch motivierten und geduldeten Volksverhetzung und der Panikmache vor dem Internet?

5. Erwartungsangst.

Die Verbindung findet sich in der fundamentalen Veränderung, die das Internet auf die Gesellschaft hat. Hier manifestiert sich die blanke Angst der Politik, die ihre Macht und ihren Einfluss gefährdet sieht.
Im Internet kann man alles über den 11. September 2001 und seine Auswirkungen bis zum heutigen Tag erfahren. Man findet Verschwörungstheorien genauso wie wissenschaftliche Gutachten. Man liest über Zusammenhänge und Mythen, findet Gesetze, die zu verabschieden vor dem Ereignis unmöglich gewesen wäre und die heute im Namen der Freiheit die Freiheit einschränken. Nur Angst kann man mit dem 11/9 im Internet keinem mehr machen.
Dabei ist überhaupt nicht wichtig, ob man in dieser informativen Vielfalt das Richtige oder das Falsche glaubt, ob man das Richtige weiß oder nicht. Entscheidend ist, dass kaum einer, der einigermaßen bei Verstand ist, glaubt, was diese Politiker sagen.

Im Internet ist Rüttgers nichts. Und auch nicht seine Hetze. Im Internet bleibt Sarrazins Populismus nicht unwidersprochen und Ursula von der Leyen müht sich vergeblich, ihren großen Plan gegen Kinderpornographie als Erfolg zu verkaufen. Die Menschen im Internet haben das Gesetz schon längst als unzureichend, ja geradezu stümperhaft, entlarvt. Die politische Kunst des manipulativen Nichtssagens funktioniert im Internet nicht mehr.

Das Internet ist das wesentliche Werkzeug auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Um so mehr aber einer weiß, um so schwieriger wird es ihn zu manipulieren. Um so mehr einer sagen kann was ihm nicht passt, um so weniger ist er gleichgültig und um so schwieriger wird es ihm Angst zu machen. Damit können die meisten Politiker nicht umgehen, ab hier sind sie hilflos und davor haben sie Angst. Genau deshalb soll das Internet reglementiert werden.

Es könnte sie nämlich beißen.

  1. gr. μισεῖν misein „hassen“ und γυνή gyné „Frau“

Thema: Kultur, Politik | Kommentare (1) | Autor: Olaf Sander